
Wenn Auslastung zum Problem wird: Warum aufgeregte Hunde oft weniger statt mehr brauchen
„Der muss einfach mal richtig ausgelastet werden.“
Diesen Satz hören Halterinnen und Halter von nervösen, hibbeligen oder schnell überdrehten Hunden ziemlich häufig.
Also wird noch eine größere Runde gelaufen. Der Ball fliegt noch ein paar Mal. Es gibt Suchspiele, Beschäftigungsspielzeug, Hundesport und möglichst viel Action, damit der Hund anschließend endlich müde und zufrieden in seinem Körbchen liegt.
Doch gerade bei Hunden, die ohnehin Schwierigkeiten haben, zur Ruhe zu kommen, kann genau das zum Problem werden.
Denn müde sein und ruhig sein sind nicht dasselbe.
Aufregung lässt sich nicht einfach „abschalten“
Ein Hund, der schnell hochfährt, permanent auf seine Umwelt reagiert oder zu Hause kaum abschalten kann, entscheidet sich nicht bewusst dafür, anstrengend zu sein.
Und er kann seine Aufregung auch nicht einfach abstellen, nur weil wir ihm oft genug sagen, dass er sich beruhigen soll.
Selbstregulation, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz sind Fähigkeiten, die sich entwickeln müssen. Und Entwicklung braucht Zeit.
Man kann es ein bisschen mit einem Muskel vergleichen: Er wird nicht stärker, weil wir verstanden haben, wie Krafttraining funktioniert. Er wird stärker, weil wir ihn regelmäßig und angemessen benutzen.
Ähnlich verhält es sich mit unseren Hunden.
Ein Hund lernt Ruhe nicht dadurch, dass wir ihm einmal zeigen, wie er auf seiner Decke liegen soll. Er lernt sie durch viele kleine Erfahrungen im Alltag, in denen er nicht sofort jedem Impuls folgen kann und nicht ständig beschäftigt wird.
Der Alltag trainiert immer mit
Deshalb reicht es nicht, einmal in der Woche gezielt Impulskontrolle oder Frustrationstoleranz zu trainieren.
Entscheidend ist das, was in den vielen Stunden dazwischen passiert.
Muss dein Hund manchmal warten?
Kann er aushalten, dass gerade nichts passiert?
Muss er nicht jedem Reiz nachgehen?
Kann er sich zurücknehmen, obwohl er eigentlich eine andere Idee hatte?
Und vor allem:
Hat dein Hund überhaupt gelernt, dass Nichtstun ein völlig normaler Bestandteil seines Lebens ist?
Gerade bei sehr aktiven Hunden entsteht schnell ein Kreislauf: Der Hund wirkt unruhig, also wird er beschäftigt. Durch die Beschäftigung steigt seine Erwartung an weitere Aktivität. Er fordert mehr ein, wirkt noch unruhiger – und bekommt daraufhin noch mehr Beschäftigung.
So kann gut gemeinte „Auslastung“ die Unruhe langfristig sogar verstärken.
Mehr Bewegung bedeutet nicht automatisch mehr Ausgeglichenheit
Natürlich brauchen Hunde Bewegung, Beschäftigung und Möglichkeiten, ihre Umwelt zu erkunden.
Aber nicht jede Form der Beschäftigung ist für jeden Hund sinnvoll.
Gerade schnelle und hochdynamische Aktivitäten können bei einem ohnehin leicht erregbaren Hund dazu führen, dass sein Erregungsniveau immer wieder nach oben schnellt.
Dazu gehören beispielsweise ständiges Ballwerfen, Frisbee, hektische Zerrspiele oder andere Beschäftigungen, bei denen der Hund immer wieder schnell einem bewegten Reiz hinterherjagt.
Das Problem ist dabei nicht der Ball an sich.
Das Problem ist das Erregungsmuster, das wir immer wieder trainieren.
Denn auch Aufregung kann geübt werden.
Ein Hund, der ständig lernt:
Reiz sehen → sofort reagieren → hinterher → Action
wird dieses Muster mit der Zeit immer schneller abrufen können.
Bei einem Hund, der ohnehin Schwierigkeiten mit Impulskontrolle und Selbstregulation hat, kann es deshalb sinnvoll sein, solche Aktivitäten zunächst deutlich zu reduzieren oder ganz wegzulassen.
Ruhe ist keine Pause vom Training – Ruhe IST Training
Statt immer neue Möglichkeiten zu suchen, den Hund müde zu bekommen, lohnt sich eine andere Frage:
Was müsste mein Hund lernen, damit er weniger Beschäftigung braucht, um zufrieden zu sein?
Dann verändern sich häufig auch die Trainingsinhalte.
Weniger Geschwindigkeit.
Weniger Hochfahren.
Weniger Entertainment.
Dafür mehr Konzentration, langsame Bewegungen, Körperarbeit, Orientierung am Menschen, bewusstes Warten und Situationen, in denen der Hund Frustration aushalten und anschließend selbst wieder herunterfahren darf.
Ein Spaziergang muss beispielsweise nicht möglichst viele Kilometer haben, um wertvoll zu sein.
Zehn konzentrierte Minuten können für einen Hund anspruchsvoller sein als eine Stunde, in der er permanent von einem Reiz zum nächsten rennt.
Langeweile darf sein
Wir Menschen haben häufig das Gefühl, unserem Hund ständig etwas bieten zu müssen.
Dabei ist es eine wichtige Fähigkeit, nichts zu tun.
Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden. Nicht jeder Kontakt muss stattfinden. Nicht jedem Impuls muss nachgegangen werden. Und nicht jede freie Minute braucht ein Beschäftigungsprogramm.
Frustration auszuhalten und trotzdem wieder in einen ruhigen Zustand zu finden, gehört zum Leben dazu.
Das bedeutet nicht, den Hund absichtlich permanent zu frustrieren oder seine Bedürfnisse zu ignorieren.
Es bedeutet, ihm zuzutrauen, dass er auch Situationen bewältigen kann, in denen die Welt einmal nicht nach seinen Vorstellungen funktioniert.
Schau nicht nur darauf, WAS dein Hund macht
Bei einem schnell aufgeregten Hund lohnt es sich deshalb, den gesamten Alltag anzuschauen.
Wie viel schläft und ruht er tatsächlich? Wie häufig erwartet er Beschäftigung? Wie schnell reagiert er auf Bewegungsreize? Kann er einfach irgendwo liegen, während um ihn herum Leben stattfindet? Wie oft entscheidet der Mensch über Beginn und Ende einer Aktivität? Und wie gut kann der Hund mit einem Nein oder einem „Jetzt nicht“ umgehen?
Manchmal besteht der wichtigste Schritt im Training nicht darin, noch etwas hinzuzufügen.
Sondern darin, etwas wegzulassen.
Weniger Action kann Raum schaffen für etwas, das vielen aufgeregten Hunden viel schwerer fällt:
Ruhe. Konzentration. Orientierung. Und die Fähigkeit, sich selbst wieder herunterzufahren.
Genau dort beginnt für mich nachhaltige Auslastung.
Nicht beim möglichst müden Hund – sondern bei einem Hund, der lernen darf, auch ohne permanente Beschäftigung mit sich und seiner Umwelt zurechtzukommen.
Dein Hund kommt nur schwer zur Ruhe, ist draußen ständig auf Sendung oder fordert zu Hause permanent Beschäftigung ein?
Dann lohnt es sich, nicht nur am einzelnen Verhalten zu arbeiten, sondern gemeinsam den gesamten Alltag anzuschauen.
Team Schnauze Bonn – Hundetraining & Hundeverhaltensberatung